Raum und Material

Firmensitz fischerAppelt Berlin

Storytelling nicht nur im Dienst der Kunden, sondern als narrative Herangehensweise an die Gestaltung der Räumlichkeiten. Das liegt nahe für den Firmensitz einer Content Agentur in Berlin. Gonzales Haase AAS setzte die Traumwelt von ‚Alice‘ kongenial um.

Autorin Christiane Sauer

Gesprächsstoff, der Menschen bewegt, produziert nach eigenen Angaben die Content Agentur fischerAppelt Berlin, die an neun Standorten Konzepte in den Bereichen Public Relations, Film und Digital Marketing entwickelt. Der jüngste, im Januar 2017 fertig gestellte Firmensitz für rund einhundert Mitarbeiter befindet sich mitten in Berlins Prenzlauer Berg und erstreckt sich über sechs Etagen.

„Storytelling“ nicht nur im Dienst der Kunden, sondern auch als narrative Herangehensweise an die Gestaltung der 1 800 m2 großen Räumlichkeiten wünschte sich die Agentur. Den idealen Partner hierfür fanden sie mit den Architekten des Berliner Büros Gonzales Haase AAS. Das 1999 von der Architektin Judith Haase und dem Designer und Szenografen Pierre Jorge Gonzales gegründete Büro setzt Projekte hochwertiger Interieurs für Mode, Kunst und Wohnen um, bei denen das Zusammenspiel von Architektur, Material und Licht stets eine zentrale Rolle einnimmt.

Regenbogen und Hasenloch

Im Dialog mit den Bauherren entstand die Idee, sich an der fiktiven Welt von „Alice im Wunderland“ entlang zu spinnen. Dieser Leitfaden zieht sich vom Eingang bis zum Dach. Betritt man das Gebäude, empfängt den Besucher eine facettierte Farbund Lichtinstallation, ein räumlicher Regenbogen, der den Eintritt in eine andere Welt markiert. Stelen aus hochglanzpoliertem Edelstahl reflektieren den speziell angefertigten Farbverlauf einer dahinter liegenden Wandbekleidung. Auf dem Boden entdeckt man das „Hasenloch“ – den Eingang in die Traumwelt.

Statt in dieses zu schlüpfen, sollte man lieber den Lift nehmen, der direkt in das fünfte Geschoss mit dem dortigen Empfang führt, wo man von der „Raupe“ begrüßt wird. Im Märchen steht das rauchende Insekt, das Alice den magischen Pilz zum Wachsen und Schrumpfen anbietet, für Wandlung. Der Empfangstresen und die Möblierung dieser Etage, in der auch die Geschäftsführung sitzt, verweigern sich somit einer festen Form. Sie erwachsen aus unterschiedlichen Segmenten, die auch den Raum strukturieren.

Rauchzeichen im Nebel bei FischerAppelt Berlin

Der „Rauch“ der Raupe schlägt sich auf „vernebelten“ Glaswänden der Besprechungsräume nieder. Siebbedruckte Folien mit einem speziellen Muster kreieren je nach Blickwinkel unterschiedliche Durchsichtigkeiten. Nicht nur diese „Rauchzeichen“, auch die Pilze in den Vitrinen, die nach dem Vorbild von Schulutensilien angefertigt wurden, verweisen auf die Geschichte. Der helle Grundton, der hier in den lackierten Holzmöbeln und dem Linoleumboden vorherrscht, wandelt sich in den darunter liegenden Kreativetagen zu einer schwarz bzw. rot akzentuierten Umgebung.

Die schwarze, dritte Etage steht im Zeichen der „grinsenden Katze“, die sich unsichtbar machen kann. Im Winkel angebrachte Spiegelelemente der Wand- und Stützenverkleidungen lenken den Blick derart, dass der Betrachter sich nicht selbst sehen kann, sondern nur seine Umgebung. Im Gegensatz dazu verdoppelt man sich in der darüber gelegenen roten Etage durch die Spiegelstellung: hier standen die eineiigen Zwillinge Twideldi und Twideldum Pate. Man trifft auf weitere Eiformen: In einer Materialkombination von Messing und Holz beim Besprechungstisch oder im Filmvorführraum als spiegelnde, ovale Tischchen mit abgeflachten Kanten, die ein Aneinanderreihen erlauben. Die Decke des Bürobereichs im vierten Stock ist mit hochglanzpoliertem Edelstahl verkleidet, sie erweitert so den Raum, verdoppelt Objekte und Bewegungen.

Auf den Büroetagen bei FischerAppelt Berlin sind die Arbeitstische aus Dreischichtplatten mit Linoleumoberflächen in schwarz bzw. grau angefertigt – angepasst an das Farbkonzept der jeweiligen Etage. Auch die Linoleumböden werden von schwarz über mittelgrau bis hellgrau, vom Erdgeschoss bis unters Dachzimmer lichter, ebenso die Akustikdecken. Nimmt man die Treppe statt des Aufzugs, entwickelt sich auch hier eine Tonfolge von Schwarz im Erdgeschoss bis Weiß im obersten Geschoss. Rund 25 Farbabstufungen durchläuft man vom Eingang bis zum Dach. Das Dachgeschoss überrascht mit einem grünem Ambiente. Das farbliche Zitat verweist auf die digitale Projektionsfläche „green screen“, mit der fiktionale Welten in Filme digital eingefügt werden können.

Vor diesem imaginären Hintergrund können die Mitarbeiter zusammen-kommen, im hauseigenen Kräutergarten Ingredienzen für Tee ernten, am Tisch des Hutmachers Platz nehmen oder auf den grün changierenden Loungemöbeln „content“ zu Geschichten werden lassen. Die minimalistische Formensprache der Architekten und die industriellen Oberflächen der Räume bilden einen spannungsvollen Rahmen für die narrativen Elemente der Etagen. Sie lassen ein kommunikatives und inspirierendes Arbeitsumfeld entstehen, in dem die Mitarbeiter sicher immer wieder neue Facetten und Blickwinkel für ihre Arbeit finden werden.

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Factsheet

Projekt: FischerAppelt Berlin Office

Schönhauser Allee 148, 10435 Berlin

Architekten: Gonzalez Haase AAS

www.gonzaleshaase.com

Projektteam: Judith Haase/Pierre Jorge Gonzalez (Chief Executives), Céline Corsano (Project Manager), Michal Igla, Emily Walkemeyer, Carolina Fiuza, Ypatia Lekka, Valentina Marinai

Fertigstellung: Januar 2017

Netto-Geschossfläche: 1816 m²

Weitere Planungsbeteiligte : 

Glasstatik: Glasstatik Büro Dipl.-Ing. Hildebrandt

Brandschutz: hhp Berlin Ingenieure für Brandschutz GmbH

Lüftungsanlage: LKK Klimatechnik Elektroinstallation: ESM Elektroinstallation GmbH, Gebäudetechnik Andreas Otto

Materialien (Decke, Wand, Boden): Deckensysteme, Akustikdecken, Glaswolle Akustikplatten: Focus SQ, Ecophon Deutschland; Trennwandsystem: Strähle Raum-Systeme GmbH; Linoleum: Uni Walton LPX, DLW; Zementfliesen: Terrazzo Tiles, Via; Teppich: Lyrica, Vorwerk; Tischlerarbeiten: Fs Möbelgestaltung GmbH

Beleuchtung: LED Band: LED Linear GmbH; LED Spotlights: Lucifer Lighting Company, Bruck GmbH & Co. KG; Leuchststofflampen: Lumilux, Osram

Gehäuse aus Metall: T5 Duo und T5 Trio, Bolichwerke KG

Möblierung: Physix Conference, Slow Chair, Vitra; Herrenberger Hocker, Atelier Haussmann; Holzstühle, Ton; Vintage-Sessel, Bossecker Berlin


Autorin Christiane Sauer

Die Architektin und Materialspezialistin lehrt als Professorin für Textil- und Flächendesign an der Weissensee Kunsthochschule Berlin.

www.formade.com

www.luelingsauer.com