Fachveranstaltung Farbe

Ultimative Wahrheit Schwarz

Eine Stecknadel hätte man fallen hören können. Konzentriert lauschten mehr als 80 Gäste den Fachvorträgen zum Thema Farbe in der Innenarchitektur im Showroom des Büromöbelfachhändlers Inwerk in Meerbusch-Osterath bei Düsseldorf.

Autorin Katharina Feuer

Sichtlich erfreut nahm die Dame im sommerlichen, farbenfrohen Rock ein Glas roter Marmelade entgegen. Sie hatte es gewonnen. Als die Person, die am farbenprächtigsten gekleidet war an diesem Abend in Meerbusch-Osterath bei Düsseldorf. Gleich zu Beginn veranschaulichte auf diese Weise Hannes Bäuerle, Gründer und Inhaber der Materialagentur Raumprobe das Thema des Abends: Farbe. Mehr als 80 Gäste folgten der Einladung der Materialplattform zur gleichnamigen Fachveranstaltung in eine ehemalige Brauerei.

Heute befinden sich in dem mehrgeschossigen Backsteinbau die Ausstellungs- und Verkaufsräume des Büromöbelfachhändlers Inwerk. „Zwei Jahre haben wir für die Sanierungsarbeiten gebraucht und so manch einer hat uns davon abgeraten“, erinnerte sich Geschäftsführer und Inhaber Bernd Klingelhöfer und freute sich, Gastgeber sein zu können. md-Chefredakteurin Susanne Tamborini konstatierte: „Farbe fasziniert, stimuliert und polarisiert. Sie gibt Orientierung und ist integrativer Bestandteil des Gestaltungsprozesses“ und fragt in die Runde „Gibt es ein Richtig, gibt es ein Falsch bei der Anwendung von Farbe“? Es sollte nicht die einzige Frage des Abends bleiben.

Hannes Bäuerle ging in seinem Impulsvortrag „Farbe als Material – Material als Farbe“ auf Materialinnovationen ein, die sich insbesondere auf die Farbwiedergabe und Farbechtheit auswirken. Als Beispiele nannte er PVD, ein vakuumbasiertes Beschichtungsverfahren; blitzschnell aushärtende Oberflächen; sogenannte „Invisible Protect“-Parkettversiegelungen durch UV-Strahlung oder supermatte Oberflächen.

Designer Markus Bischof hob in seinem Vortrag „Colourtecture – Transforming Emotions“ die Relevanz des Lichts hervor. „Falsch eingesetztes Licht macht die schönsten Räume kaputt!“ Gleichzeitig appellierte er an alle, sich immer vor Augen zu führen, für wen man Farbe wählt: aus einem Mainstream heraus oder als die bestmögliche Lösung. Für den Nürnberger Designer kann man Farbe nicht isoliert von Material, Form, Textur und Licht betrachten. Vermeintlich Selbstverständliches hob Bischof hervor. „Ich kann mich erst sicher in meinem Metier bewegen und mit Farben experimentieren, wenn ich die Grundlagen meiner Profession kenne.“ Dass dies nicht immer selbstverständlich ist, sei leider ein Fakt.

Die Hersteller Mauser, Carpet Concept und Grama Blend, Sponsoren des Abends, stellten ihre Produkte aus: Wissensvermittlung in der Pause.

„Ein Architekt hat mir mal berichtet, dass es mit der Farbe am Bau immer nur Theater gibt“, begründete Götz Keitel seinen Vortragstitel „Über die Farbe in der Architektur. Eine Theaterkritik“. Der Maler und Farbgestalter aus Bielefeld erläuterte die vielen unterschiedlichen Charakteristika der vier Grundfarben Rot, Grün, Gelb und Blau. Rot stehe für Vitalität, Aggression, Revolution, Kampf und Lust. Blau für Ruhe, Ausgeglichenheit, Weite, Harmonie, Stille und Geborgenheit. Gelb verbinde man mit Leichtigkeit, Weite und Fröhlichkeit. Dagegen stehe Grün für Stabilität, Sicherheit, Tradition und Zuverlässigkeit. Spannend waren diese Zuweisungen an Eigenschaften insofern, als dass erst in Hamburg bei der letztjährigen Farbveranstaltung der Materialplattform die Künstlerin und Farbdesignerin Friederike Tebbe davor warnte, Farben in derartige Schubladen zu stecken. Sie referierte im November 2016, man müsse Farbe immer im Kontext sehen.

Keitel gab zu bedenken, dass es keine Lösung sei, nur noch Grau, Weiß, Schwarz und reizarme Farben zu verwenden, weil die Angst vor Farbe zu groß und der möglicherweise falsche Einsatz von Farbe zu emotional sei. Besonders Architekten würden Schwarz als die ultimative Wahrheit zelebrieren.

Eine andere Herangehensweise verfolgt Nathalie Pagels. Sie fragte in die Runde „Gibt es eine Ethik der Farbgestaltung?“ und fügte gleich an: „Projekte bestehen aus vielen Fragen!“ Ethik in der Farbgestaltung? Warum nicht? Ethik fragt, was ist der Mensch wert. Das habe etwas mit Würde und Respekt zu tun, erläuterte die Farbberaterin aus Düsseldorf. Genau das müsse sie den Menschen und den Projekten entgegenbringen. Pagels erarbeitete für ihre Ethik der Farbgestaltung Leitlinien, die mit einem gewissen Allgemeinheitsgrad jederzeit anwendbar, nachvollziehbar und überprüfbar sind. Dazu gehören ihrer Meinung nach: Menschlichkeit, Funktionalität, Achtsamkeit, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Aufrichtigkeit und Kommunizierbarkeit. Wie das funktionieren kann, zeigte sie beispielhaft an einem altem Haus aus den 1960er-Jahren und einem Villenneubau in Göttingen auf dem gleichen Grundstück. Anstelle einer schreiend leuchtend gelben Fassade konnte sie Architekt und Bauherr überzeugen, dass weniger mehr sei. Auch bei Farbe. Sie realisierte eine Art Pippi-Langstrumpf-Haus vis-à-vis und in Koexistenz zur Villa.

Trotz der geballten Informationen war die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis zum Ende spürbar. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können. Der eine konnte sein Grundlagenwissen über Farben auffrischen, der andere noch Kurioses über das schwärzeste Schwarz der Welt erfahren. Es gehört nur einem Mann, Anish Kapoor, der sich die Rechte daran sicherte. ‚Vantablack‘ absorbiert 99,96 Prozent des Lichts. Aber das nur am Rande.

Nathalie Pagels endete mit einem Zitat des Philosophen Ludwig Wittgenstein „Nur kein transzendentales Geschwätz, wenn alles so klar ist wie eine Watschen.“