Ambiente
In so einem Think Tank würde die Kentia keine zwei Tage überleben. Foto: Ahmet Çakir
Spot on Office

Wohnliches Ambiente fürs Büro?

Das Bürohaus ist das Spiegelbild der Unternehmenskultur und was es spiegelt, ist die jeweilige Arbeitskultur. Ob da Platz für ein wohnliches Ambiente ist, wenn die Zukunft Digitalisierung heißt? Plüschtiere und Kentia-Palme haben Hochkonjunktur.

Vor Jahren sprang während eines Vortrags von mir ein Zuhörer auf und rief: „Unglaublich, auf jedem Bild, das Sie zeigen, ist ein Tierchen drauf!“ Gemeint waren Abbildungen von Arbeitsplätzen, die ich untersucht hatte. Der aufmerksame Vortragsgast hatte entdeckt, was mir jahrelang verborgen geblieben war: Die Mitarbeiter hatten ihre Arbeitsplätze individualisiert. Selbst die vermeintlich omnipräsenten Fotos der Liebsten tauchen seltener auf als die putzigen Wesen aus der (Plüsch)Tierwelt. „Making Heimat“ würde man heute in schönstem Denglish sagen.

Gibt es außer mir noch weitere Blinde, die nicht sehen, was sich ihren Augen bietet? Menschen markieren ihre Arbeitsumwelt wie ihre vierbeinigen Verwandten ihr Revier – sei es noch so winzig. Als wir Anfang der 1980er-Jahre die ersten Arbeitsplätze einrichteten, die tatsächlich ohne Papier auskamen, wurden die Tische mit einem „Sozialfach“ ausgestattet, auf das nur der „Besitzer“ zugreifen konnte. Eine andere Funktion hatten die Unterschränke nicht mehr. Die angeblich so unmenschlichen Bürokraten hatten das Sozialfach sogar zur Vorschrift gemacht.
Heute – etwa 25 Jahre nach der ersten Sichtung des Büronomaden in der freien Wildbahn – scheinen andere Gesetze zu gelten als einst. „Office is everywhere“, sagen Planer, und meinen damit wohl nur den Office Desktop. Stimmt, der ist sogar vom Weltraum aus erreichbar. Oder meinen sie nicht eher den alltäglichen Büroleerstand? So richtig gemütlich wirkt kein Büro, wenn nur jeder zweite Tisch besetzt ist. Viel voller sieht es aber selten aus, seit sich die Bürozeiten verlängert und die Arbeitszeiten der Mitarbeiter verkürzt haben. An schönen Sommernachmittagen lassen sich die Büronomaden eher im Freibad nieder und hinterlassen den im Office Arbeitenden eine traurige Umgebung. Wird die sich heimeliger anfühlen, wenn man dort eine eher wohnliche Umgebung schafft?
Den Facilitymanagern schweben da eher andere Lösungen vor. Leider laufen diese allesamt auf eine Verdichtung der Büros hinaus und grenzen selbst die „Lufthoheit“ der Büromitarbeiter, sprich Klima und Akustik, noch weiter ein. Einem Ondit zufolge soll es sich dabei – desk sharing bzw. non-territorial – um ein durchdachtes Konzept handeln. Glaubt man der einschlägigen Literatur, so war das Verdichtungskonzept jedoch aus der Not geboren – man hatte bei der Planung eines großen Projekts einfach rund 300 Arbeitsplätze vergessen. Nun ja, ganz so unbedacht scheint es mittlerweile nicht mehr zuzugehen. Nachträglich überdacht, kann ein Denkgebäude durchaus funktionieren. Es fragt sich aber, wie man ein Ambiente wohnlich macht, wenn der Mitarbeiter abends nicht weiß, wo er sich am nächsten Morgen mit seinem Caddy niederlassen darf. Office Desktop von Microsoft als das einzig Heimelige an meinem Arbeitsplatz?
Wohnliches Ambiente mit Kaffeetasse
Da fällt mir die Projektleiterin dieser Firma ein, die einst zu uns gekommen war. Sie hatte ihre Kaffeetassen, ihr Mauspad und ein Tierchen im Gepäck und platzierte das Ensemble sofort an ihrem vorübergehenden Arbeitsplatz. Ich denke, über Bürokonzepte muss kräftig nachgedacht werden. Ansonsten reiht sich ein Name nach dem anderen in die Ruinen gescheiterter Denkgebäude über die Bürohausgestaltung ein.
Genug des Pessimismus. Die Voraussetzung für ein wohnlicheres Büro sind heute günstiger als früher. Die Büromöbelnormierer haben ihre Plätze geräumt und so haben die Hersteller freie Hand, wenn sie neue Farben und Formen ins Büro bringen sollen.
Die Regale der einst wahrlich „maßgebenden“ Ordner stehen leer. Neue Möbel müssen auf sie keine Rücksicht mehr nehmen. Und Wohnmöbelhersteller können mit Farben von Materialien und Stoffen ähnlich gut umgehen wie Couturiers. Kein geringer Vorteil, wenn man z. B. Möbel und Einrichtungen für das Homeoffice wie für das Büro entwickelt und vertreibt. Das Computerschmuddelgrau kann uns gestohlen bleiben.
Adieu Tristesse, jetzt heißt die Lösung „Büro trifft Wohnzimmer“? Das Bürohaus ist das Spiegelbild der Unternehmenskultur und was es spiegelt, ist die jeweilige Arbeitskultur. Ob da Platz für ein wohnliches Ambiente ist, wenn die Zukunft Digitalisierung heißt? Ich denke, die Unternehmen und Menschen werden unterschiedliche Antworten darauf finden (müssen). Was ich garantieren kann, ist, dass die Kentia-Palme aus den 1930ern auch 2030 in keinem Büro falsch aussehen wird.
Unser Autor Ahmet Cakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin sowie Gutachter.