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Arbeiten in Großraumbüros

Die Realität sieht anders aus

Die massiven Veränderungen in der Arbeitswelt – organisatorisch, inhaltlich, technologisch, sozial – führen auch dazu, dass viele Aufgaben in Organisationen nicht mehr von Individuen, sondern von Projektgruppen, Teams, wechselnden Zusammenstellungen von Mitarbeitenden bewältigt werden. Prognosen sagen voraus, dass dieser Trend weitergehen wird und dass im Mittelpunkt zukünftiger Bürotätigkeiten nicht mehr das Erledigen von Routinearbeiten steht, sondern eine komplexe Wissensverarbeitung, das Agieren in virtuellen Netzwerken und das Arbeiten in Teams.

Teams in Organisationen erleben heute sich drastisch verändernde Rahmenbedingungen für ihre Arbeit. Die schnelle Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie zunehmend globale Märkte sind nur zwei von vielen Aspekten, die die Unternehmen von heute nachhaltig verändern. Flexibilität und Mobilität sind Schlüsselkompetenzen dieser Arbeitswelt – und sie drücken sich zunehmend auch in der Gestaltung der Arbeitsumgebungen von Teams und ganzen Abteilungen aus. Menschen arbeiten heute in immer wieder anders zusammengesetzten Teams, die sowohl räumlich als auch zeitlich flexibel sein müssen, da häufig gar nicht alle Teammitglieder zur selben Zeit am selben Ort arbeiten. Unter dem Begriff des „non-territorialen Bürokonzepts“ werden Arbeitswelten verstanden, die versuchen, diesen Prozessen gerecht zu werden, indem sie sowohl zeitlich als auch räumlich völlig flexible Arbeitsplätze für alle oder einen Teil der Mitarbeiter anbieten. Zu diesem Themenkomplex befragte die Redaktion von der Fachzeitschrift Sicherheitsbeauftragter/Sicherheitsingenieur den Experten Dr. Stefan Poppelreuter (Leiter Analysen & Befragungen HR Consulting, TÜV Rheinland Akademie GmbH).

Herr Dr. Poppelreuter, moderne Großraumbüros, Open-Space, Agilität, schöne neue Welt? Hat sich die Menschheit weiterentwickelt, gab es einen Evolutionsschub, sind wir alle voll resilient, immer motiviert und trotzen den Herausforderungen der digitalen und globalisierten Welt ohne Mühe?

Schön wär‘s ja schon, aber die Realität sieht etwas anders aus. Es stimmt, dass sich die Technologie mit atemberaubendem Tempo – im wahrsten Sinne des Wortes – weiterentwickelt hat und immer auch noch weiterentwickeln wird. Alles geht schneller, wird vorläufiger, änderungsanfälliger. Kontinuität, Strukturiertheit und Eindeutigkeit nehmen ab. Veränderte Marktbedingungen verlangen veränderte Prozesse, und das nicht nur in der Produktionsbranche, sondern auch in der Dienstleistung. Und der arbeitende Mensch? Hechelt dem hinterher, wird zunehmend verunsichert und hilfloser, wie es scheint. Der Grund dafür liegt aber eher darin, dass sich der Mensch in den letzten Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten „eingerichtet“ hat, er ist anspruchsvoller, risikoaverser und sicherheitsfanatischer geworden. Das flexible Reagieren auf sich ändernde Situationen war früher überlebensnotwendig. Durch technologische Fortschritte gelang es dem Menschen, Risiken zu reduzieren, mehr Sicherheit zu bekommen. Soziale Sicherungssysteme taten ein Übriges. In der modernen Arbeitswelt nehmen diese Sicherheiten wieder ab, was nicht nur an der Technologie liegt. Auch die Globalisierung und der soziodemographische Wandel tragen dazu bei. Der Wettbewerb wird größer, der Druck wächst. Zuverlässige und vor allem auch nachhaltige Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu finden, ist nicht mehr möglich, wenn es das überhaupt jemals war. Wir sind also nicht aufgefordert, neue Stärken zu entwickeln, sondern alte Resilienzen wieder zu aktivieren. Von unseren Eltern und Großeltern können wir da eine Menge lernen, speziell hier in Deutschland.

Was genau läuft in Großraumbüros oder Open-Space-Büros immer wieder schief?

Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber immer auch ein Einzelwesen. Wir brauchen die Gemeinschaft, wir brauchen aber auch Distanz und Intimsphäre, auch und gerade am Arbeitsplatz. Zu große soziale Dichte tut uns nicht gut. Großraumbüros werden häufig an diesen Bedürfnissen vorbei geplant und umgesetzt. Sie sind zu eng, zu laut, zu unruhig, zu dysfunktional. Konzentration und zuverlässiges Arbeiten erfordern bestimmte Rahmenbedingungen, die in Großraumbüros häufig nicht gegeben sind. Ganz zu schweigen von den Gestaltungen der Arbeitsplätze. Die vor allem in Startups gepflegte Devise, möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Laptop an einen Tisch zu pferchen, fördert ungünstige Körperhaltungen und suboptimale Arbeitsbedingungen. So laugt man schneller aus, macht mehr Fehler, ist mittel- und langfristig nicht mehr leistungsfähig. Ein Kicker im Großraumbüro mag den Teamgeist fördern, aber nur den derer, die gerade spielen. Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr von Großraumbürokonzepten geschwärmt wird….von denen, die nicht darin arbeiten müssen. Angesichts von steigenden Zahlen von ADHS-Problemen gerade in den nachrückenden Generationen sollte man sich genau überlegen, ob man solcherart belastete Menschen auch noch zusätzlich konzentrationshinderlichen Rahmenbedingungen aussetzen möchte.

Woran liegt es, dass die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt im Durchschnitt steigen? Und: was können Unternehmen und jeder einzelne Mensch, Angestellter und Führungskraft wirklich tun?

Dieser Anstieg hat verschiedene Gründe: Zum einen nimmt der Druck tatsächlich zu. In kürzeren Zeiträumen müssen mehr Arbeitsschritte erledigt werden, Innovationen müssen schneller auf den Markt gebracht werden, die Zusammenarbeit mit immer wieder neuen Kolleginnen und Kollegen, ggf. auch noch aus anderen Kulturkreisen und in anderen Zeitzonen arbeitend, wird wichtiger und alltäglicher. Die Arbeit wird mobiler, man kann sie überall hin mitnehmen, sie kann einen aber auch überall hin verfolgen. Arbeit und Freizeit verschwimmen wieder mehr, was Kompetenzen zum Abschalten und Nein sagen auf Seiten der arbeitenden Bevölkerung erfordert. Darin kann sich ein jeder Einzelner üben. Und die Unternehmen können hier auch unterstützend sein, zum Beispiel in Form von Trainings, einer Unternehmenskultur, die die Relevanz von Pausen am Tag, in der Woche, im Jahr betont, durch Einzelcoachings, die dazu beitragen können, überbordende Arbeitsbelastungen durch Selbstmanagement abzufedern.

Die Zunahme der diagnostizierten psychischen Belastungen ist aber auch Resultat einer sensibleren Introspektion bei gleichzeitig steigender Anspruchshaltung und reduzierter Belastbarkeit mancher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Tatsache, dass Burnout zu einer Massenerkrankung hochgejizzt wurde, verdeutlicht dies sehr schön. Ich betrachte solche Entwicklungen sehr skeptisch, denn sie schaden den wirklich Erkrankten. Wie groß das Problem ist zeigt sich an der Tatsache, dass man auf eine psychologische oder psychiatrische Therapie in Deutschland inzwischen monatelang wartet. Das liegt nicht daran, dass es zu wenig Therapeuten gibt. Sondern daran, dass die vermeintlich Ausgebrannten den tatsächlich von den beruflichen Belastungen Erkrankten die Therapieplätze wegnehmen.


Die Mensch&Büro-Akademie bietet zum Thema „Großprojekte“ auch ein Seminar an.
Der neue Termin steht demnächst online. Weitere Infos hier