Christian Haid, Referent des Seminars "Ergonomieberater Sitzergonomie" (Bild: privat)
Ausbildung zum Ergonomieberater „Sitzergonomie“

Gesucht – gefunden: Die Bedienanleitung für richtiges Sitzen

Lumbalstütze, Sitzneige, Sitztiefe, Rückenlehnengegendruck – moderne Bürostühle bieten oft eine verwirrende Vielzahl von Einstellmöglichkeiten. In der Ausbildung zum Ergonomieberater „Sitzergonomie“, der Mensch&Büro-Akademie in Kooperation mit der IGR e.V., erklärt Christian Haid, wie die verschiedenen Sitzkonzepte und Optionen mit den Bedürfnissen des menschlichen Körpers korrespondieren. Am zweiten Tag widmet sich Christian Brunner der praktischen Anwendung im Büro von heute und morgen. Wir sprachen mit Ass. Prof. Haid darüber, was gutes Sitzen ausmacht.

Herr Ass. Prof. Haid: Wenn Otto-Normal-Verbraucher die Beschreibungen zu modernen Bürostühlen liest, versteht er häufig nur noch Bahnhof. Ist richtiges Sitzen eine Wissenschaft für sich?

Sitzen ist eine sehr einfache Sache, wir müssen nur ein wenig Hintergrundwissen haben und unseren gesunden Menschenverstand einsetzen.

Im Seminar erklären Sie die Zusammenhänge aus Sicht der Biomechanik. Was beinhaltet dieser Begriff?

Die Biomechanik ist ein interdisziplinares Wissenschaftsgebiet in dem biologisches Wissen und Wissen aus dem Fachgebiet Mechanik zusammengeführt werden. Somit wird zum Beispiel das Sitzen unter den Gesichtspunkten der Mechanik, der Muskelphysiologie und der Anatomie betrachtet.

Ein moderner Bürostuhl ist heutzutage ein High-Tech-Produkt mit etlichen Stellschrauben. Angesichts einer Fülle von verschiedenen Hebeln, Rädchen und Schrauben verlieren Unternehmen und Beschäftigte hier schnell den Überblick. Was zeichnet einen guten Bürostuhl aus Ihrer Sicht aus?

Ein guter Bürostuhl ist einfach handhabbar und es muss nur wenig eingestellt werden. Wichtig sind die Sitzhöhe und die Einstellbarkeit der Armlehnen. High-Tech sollte dazu eingesetzt werden, komplexe Einstellmöglichkeiten einfach zu gestalten.

Wie individuell sind die Bedürfnisse an einen guten Stuhl?

Unterschiedliche Körpergrößen- und Gewicht sind die wichtigsten Parameter, auf die ein Bürostuhl eingestellt werden muss.

Kann denn ein falsch eingestellter Stuhl wirklich ernsten Schaden anrichten?

Ein falsch eingestellter Stuhl kann erhöhte Belastungen verursachen und zu Verspannungen in bestimmten Muskelgruppen führen. Es darf jedoch nie übersehen werden, dass „richtiges“ Sitzen und richtige Arbeitsplatzgestaltung zusammenhängen.

Wie bekomme ich raus, welcher Stuhl zu mir passt?

Zuerst muss man sich im Klaren sein, was man von einem Bürostuhl erwarten kann. Zusätzlich benötigt man Wissen darüber, was zu ungünstigen Belastungen führt und wie man sich helfen kann. Dann muss man nur noch probesitzen und ganz wichtig: Der Stuhl muss einem gefallen! Es ist schon ein riesiger Vorteil, wenn man sich auf dem Weg zur Arbeit schon auf seinen Bürostuhl freut.

Vor einiger Zeit hatten Sitzbälle Konjunktur, heute sieht man sie nur noch selten. War das eher eine Modeerscheinung?

Man muss unterscheiden, ob man beim Sitzen die Belastungen einfach nur minimiert, oder ob man zusätzlich Bewegungseffekte nutzen möchte. Beides lässt sich nicht gleichzeitig bewerkstelligen. Sitzbälle und Hocker mit Rundfuß zielen mehr auf Bewegung ab, dafür sind die Druckbelastungen in der Bandscheibe eher erhöht.

Beide Aspekte haben aber ihre Berechtigung. Somit ist die Idee, verschiedene Sitzgelegenheiten und zeitweises Stehen zu kombinieren, sicherlich ein ernstzunehmender, zielführender Aspekt. Anders ausgedrückt, es sollte einen Trend zum Zweitstuhl geben – und das sage ich nicht, um der Industrie einen Gefallen zu tun.

Stichwort dynamisches Sitzen: Die heutige Sitzphilosophie geht davon aus, dass der Körper auch im Sitzen in Bewegung bleiben sollte. Die Hersteller haben dafür recht unterschiedliche Lösungen im Angebot. Was halten Sie davon?

Wie schon erwähnt, kann man zwischen entlastendem Sitzen und bewegtem Sitzen unterscheiden. Das Wort „Dynamik“ ist in diesem Zusammenhang etwas übertrieben. Man kann diese beiden Konzepte nicht unabhängig voneinander sehen und auch der Nutzer reagiert unterschiedlich. Somit geht es eigentlich darum, ein Sitzkonzept zu erstellen, bei dem jeder individuell für sich möglichst gesund bleibt. All diese Überlegungen zum Sitzen ersparen uns jedoch nicht, dass wir unseren Bewegungsapparat fit halten müssen. Es geht nicht an, dass wir den ganzen Tag sitzen, wochenlang, und uns dann über fehlende muskuläre Stabilität wundern.

Es heißt: Die gesündeste Sitzhaltung ist immer die nächste. Das bedeutet, niemand sollte steif und starr auf dem Stuhl verharren, sondern seine Haltung häufig wechseln. Muss der viel gescholtene Zappelphilipp rehabilitiert werden?

Ich möchte voranstellen, dass entlastetes Sitzen für sich nicht schädlich ist. Probleme treten auf, wenn Muskelgruppen lange unter konstanter Spannung stehen oder ständig gedehnt werden. Mit einem Zappelphilipp wird man bei einer Bürotätigkeit immer Probleme haben. Es gibt jedoch Möglichkeiten, sich in kurzer Zeit mit intensiven Bewegungen abzureagieren. Genau das ist Inhalt von guten Bürokonzepten. Somit sollte man nicht immer nur über den Bürostuhl alleine sprechen: Die Art der Tätigkeit, die Organisation am Schreibtisch und im Büro, der Sport in der Freizeit und das bewusste Sitz- und Ausgleichsverhalten hängen eng miteinander zusammen.

Unter der Voraussetzung, dass mein Sitzverhalten stimmt, wird dann der Stuhl nicht ohnehin zur Nebensache?

Der richtige Bürostuhl ist ein wichtiger Teil in der gesamten Kette. Wenn mit der Notwendigkeit des Sitzens richtig umgegangen wird und man sich auf seinen Arbeitsplatz freut, dann macht die gesamte Arbeit gleich viel mehr Spaß.

 

Wollen Sie am Seminar zum „Ergonomieberater Sitzergonomie“ teilnehmen?

Hier gehts zu den Terminen!

 


Die Referenten des Seminars:

Ass. Prof. Mag. Dr. Christian Haid

Christian Haid leitet das Biomechanische Labor der Orthopädie der Medizinischen Universität Innsbruck. Gleichwohl ist er auch Physiker und hat in jungen Jahren selbst Leistungssport betrieben. Aufgrund seiner Vorträge über die Wirbelsäule im Golf wurde er an die Akademie von Annika Sorenstam nach Orlando geholt, um dort ein Healthy Back Programm abzuhalten. Seine wissenschaftlichen Beiträge beschäftigen sich unter anderem mit der Erforschung des Kreuzschmerzes, wofür er 1996 mit dem bekannten Volvo Award ausgezeichnet wurde. Ebenso führt er Bewegungsanalysen im Golfsport durch und beschäftigt sich mit der Belastung des Bewegungsapparates.

Christian Brunner

Christian Brunner ist seit 1999 Erster Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Rückenschullehrer/-innen (IGR e. V.). Er ist ein ausgewiesener Fachmann und Sachverständiger für Themen rund um Ergonomie, Arbeitsplatzgestaltung und Rückengesundheit. Er hat Gesundheitsmanagement studiert und sein Studium als Diplom-Kaufmann abgeschlossen. 1991 kam er zur IGR e. V. Seitdem brachte er die unterschiedlichsten Initiativen und Projekte federführend auf den Weg. Sein Anliegen ist „Aufklärung ohne erhobenen Zeigefinger“, was ihn zu einem gefragten Referenten und Ausbilder macht. Auf dem Weg zum „gesunden Unternehmen“ unterstützt er kleine Betriebe genauso wie Global Player.