Akustik im Büro

Planung ist alles

Was ist Lärm? Warum haben wir Probleme damit? Das A und O für eine gute Akustik im Arbeitsumfeld ist die rechtzeitige Einbeziehung eines Spezialisten. Für alle anderen (Not-)Fälle gibt es Lösungen. Die md-Fachveranstaltung in Kooperation mit der Stuttgarter Raumprobe lieferte am Vorabend der Orgatec Ideen und Inspiration. Eine Zusammenfassung.

Die Lösung kennt Hannes Bäuerle von der Stuttgarter Materialagentur Raumprobe: „Ein akustisch wirksames Material, aber bitte ohne Löcher!“ Der Innenarchitekt und Materialspezialist führte über die fünf Sinne in das Thema des Abends ‚Akustik & Office‘ mit seinem Impulsvortrag ein und merkte an, dass das Ohr das mit Abstand empfindlichste menschliche Sinnesorgan ist.

Wenn es also keine imaginäre Taste gibt, mit der man sein Umfeld – speziell im Open Space – stumm stellen kann, müssen andere Lösungen her.

Was ist Lärm?

Lärm ist eine messbare Größe. Während das Ticken einer Armbanduhr 20 Dezibel ergibt, ist der Geräuschpegel im Büro bereits doppelt so hoch und im Großraumbüro bereits bei 75 Dezibel.

Lärm ist zudem ein subjektiver Sinneseindruck. Was die einen als beglückend empfinden – Vogelgezwitscher am Morgen – empfinden die anderen als Lärm, weiß Dr. Alexander Siebel, Dozent an der FH Aachen University of Applied Sciences. Siebel brachte zu seinem Vortrag ‚Mehr Ruhe im Büro – Optimierung von Trittschall, Gehschall und Raumakustik mit Nadelvlies-Bodenbelägen‘ gleich mehrere Hörproben von Meeresrauschen über Presslufthammer und Laufgeräuschen mit. „Mit den Ohren sehen“, dass Akustik ein Thema ist, das in der Gegenwart angekommen ist.

Wer macht Lärm?

Siebel fasste die Lärmquellen im Büro zusammen: Kommunikation, Haustechnik, EDV, Telefon und dem Tritt- und Gehschall. Dabei benötigen im Office doch alle mehr Ruhe für Konzentration, Kommunikation und Diskretion.

Warum haben wir Probleme mit der Akustik?

Die glatten, schallharten Oberflächen der modernen Architektur an Decke, Wand und Boden bieten keine ausreichenden Absorptionsflächen. Im Zuge der Digitalisierung verschwinden Ordnerschränke, Bücherwände und Papierberge, die bisher als Absorber dienten. Der Trend zu großen Raumvolumen mit mehr Arbeitsplätzen stellt Architekten und Innenarchitekten vor weitere Herausforderungen. Die Kommunikation hat sich nicht nur verändert (Telefonkonferenzen und Besprechungen), sondern auch zugenommen.

Gute Akustik ist kein Würfelspiel

Eine gute Akustik fällt nicht auf. Aber wie kann man eine gute Akustik im Büro erreichen? Alle Redner des Abends sind sich einig: „Einfach mal vorher planen!“ So bestätigte auch Dr. Christian Nocke vom Akustikbüro Oldenburg, dass die Planung der Akustik so früh wie möglich einbezogen werden sollte und zeigte Unverständnis für die Arbeitsweise mancher Architekten, die sich beschweren würden, es gäbe keine Anforderungen und Empfehlungen: „Es geht hier nicht um experimentelles Bauen, sondern es gibt Normen wie die DIN 18041 oder die VDI 2569 (wohlgemerkt von 1968), die sich mit dem Schallschutz und der akustischen Gestaltung im Büro befasst.“ Nocke weiß: „Die Nachhallzeit wurde bereits vor 100 Jahren als wichtigste Größe zur Kennung der Wohlfühlfaktoren definiert“ und fügt an: „Gute Akustik ist kein Würfelspiel.“

Was braucht der Mitarbeiter?

„Flache Hallen heißen Großraumbüros“, erwähnte Christian Nocke, um zugleich darauf hinzuweisen, dass bewegliche Wände und Textilien nichts Neues seien. Trotzdem ist es eine immer währende Herausforderung, dem Nutzer richtige, individuelle Möglichkeiten an die Hand zu geben, das Thema Akustik in den Griff zu bekommen. Das unterstrich auch Axel Praus, Gründer von workingwell. Der Inhaber der Beratungsagentur empfiehlt, die Nutzer frühzeitig bei der Planung mit ins Boot zu nehmen und diese um Feedback zu bitten. Praus betonte aber zugleich, dass Akustik kein Wunschkonzert sei. Sein Ansatz: Kleine Einheiten mit unterschiedlichen Attributen in der Fläche, die alle wichtigen Funktionen für ein Team beinhalten.

Anspruch der räumlichen Gestaltung

Die Gesundheit der Mitarbeiter steht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Stresswirkung durch Lärm im Büro. Anspruch müsse laut Praus die Vision einer besseren Arbeitswelt sein. Für den Fall, dass die Planung im Vorfeld versäumt wurde, gaben die Redner des Abends den Zuhörern zahlreiche Lösungsvorschläge an die Hand: schallabsorbierende Elemente an Decke, Wand, Boden, bewegliche Module sowie Textilien, neue Materialien, aber auch innovative Produktentwicklungen bei Möbeln machen ein Nachrüsten möglich.

Licht im Büro

Es ist aber nicht nur die Akustik, die Wesentliches zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen kann. Es ist auch das Licht. Dr. Raphael Kirsch, Head of Lighting Applications beim Leuchtenhersteller Trilux, entführte zu einem Exkurs über Human Centric Lighting – eine Beleuchtung im Büro, die an das natürliche Tageslicht angelehnt ist.

Der Nutzer als Komponist

Koray Malhan, Design- und Markendirektor des türkischen Büromöbelherstellers Koleksiyon bereicherte den Abend mit seinem Vortrag ‚Towards a New Spatial Praxis‘ um philosophische Aspekte. Aus einfachen Nutzern möchte er Komponisten machen. Öffne man die Struktur im Raum und ließe zu, dass mobile, textile Wände, Module und flexible Möbel zum Einsatz kämen, wären die Menschen in der Lage, sich eine optimale Arbeitsumgebung zu schaffen, anstelle vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Ein Abend für die Suche nach Lösungen

Dank der Sponsoren der Veranstaltung – acousticpearls, Création Baumann, Findeisen, Koleksiyon, Trilux und Vank – endete der Abend mit angeregten Gesprächen bei Wein, Wasser und feinem Essen, denn: die Sinne getrennt voneinander zu betrachten, ist unmöglich, gab Hannes Bäuerle bereits zu Beginn zu bedenken.

Autorin Katharina Feuer


Redner der Fachveranstaltung Akustik & Office

Hannes Bäuerle, Dipl.-Ing. (FH) Innenarchitektur, Raumprobe, https://www.raumprobe.de/

Impulsvortrag

Dr. Alexander Siebel, Dozent an der FH Aachen University of Applied Sciences, https://www.fh-aachen.de/ | Prokurist und Leiter der Prüfstelle bei der TFI Aachen GmbH

Mehr Ruhe im Büro – Optimierung von Trittschall, Gehschall und Raumakustik mit Nadelvlies-Bodenbelägen

Dr. rer. nat. Christian Nocke, Akustikbüro Oldenburg, https://akustikbuero-oldenburg.de/

Neues von alten Normen!

Axel Praus, Founder and Managing Director, workingwell, http://www.w-well.de/

Acoustic absorption or acoustic insulation in the office: when one, and when the other, based on the example of functional solutions

Dr. Raphael Kirsch, Head of Lighting Applications, Trilux Vertrieb GmbH
Joachim Geiger, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb, Trilux Vertrieb GmbH, https://www.trilux.com/de/

Arbeitswelten und HCL im Büro

Koray Malhan, Design- und Markendirektor, Koleksiyon Möbel GmbH, https://koleksiyoninternational.com/home/

Towards a New Spatial Praxis


Die Sponsoren des Abends