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Auf Stärken setzen

Interview mit Ella Gabriele Amann

Von Resilienztrainings profitieren Mitarbeiter, Teams, Führungskräfte und komplette Unternehmen. Davon ist Ella Gabriele Amann, Geschäftsführerin des Berliner ResilienzForum, überzeugt. Denn die Beschäftigten würden in diesen Kursen lernen, aktiver mit Belastungssituationen umzugehen und Krisen zu vermeiden.

Mensch&Büro: Sie bieten unter anderem Resilienztrainings in Unternehmen an. Welche Personen adressieren Sie damit? Gabriele Amann: Die Resilienztrainings richten sich an verschiedene Zielgruppen in Unternehmen: an einzelne Mitarbeiter, Teams und Abteilungen sowie Führungskräfte. Ebenso bieten wir Organisationsberatung für die Entwicklung einer resilienten Unternehmenskultur und Weiterbildungen zum betrieblichen Resilienz-Coach an.

Wie laufen solche Trainings konkret ab?
Im Vorfeld beginnen wir mit der Resilienzdiagnostik und erstellen zum einen ein Persönlichkeitsprofil mit Blick auf die individuelle Energiebilanz des Mitarbeiters oder des Teams und ein Resilienz-Kompetenz-Profil. Diese werden ausführlich ausgewertet. So unterscheiden wir bei der Arbeit mit dem Modell des inneren Parlaments von SIZE Prozess® sechs verschiedene Persönlichkeitsanteile, die den jeweiligen Arbeitsstil, die persönlichen Kommunikations- und Stressmuster ableiten.
Ist der Mitarbeiter resilient, kann er flexibel auf alle sechs Persönlichkeitsstile zugreifen und je nach Arbeitsaufgabe angemessen mit Energie besetzen. So weiß der Mitarbeiter durch die Diagnostik, welche psychologischen Bedürfnisse für ihn im Vordergrund stehen, zum Beispiel, ob er eher viel Kommunikation oder lieber Ruhe und Abgeschiedenheit für die Erledigung seiner Aufgaben benötigt. Durch das Resilienz-Kompetenz-Profil können wir in Rahmen einer Selbst- und Fremdeinschätzung erkennen, bei welchen Resilienzfaktoren die Stärken des einzelnen Mitarbeiters beziehungsweise des gesamten Teams liegen und ob diese Stärken im Arbeitsalltag auch sichtbar werden.
Auf Basis der Diagnostik legen wir dann die Inhalte der Maßnahmen fest. Das können entweder Einzel-Coachings oder Teamentwicklungsprozesse sein.
Welche Maßnahmen sind das im Einzelnen für Teams?
Bezogen auf Teams enthält das Resilienz-Training vor allem interaktive und praktische Übungen zu den acht verschiedenen Kompetenzfeldern der Resilienz. So geht es häufig um die Frage: Wie kommunizieren wir miteinander? Am ersten und zweiten Tag des Trainings steht meist die persönliche Resilienz von Führungskräften und Mitarbeitern im Mittelpunkt; am dritten Tag die Resilienzförderung des gesamten Teams. Am vierten Tag betrachten wir die gesamte Organisation mitsamt der Unternehmenskultur. Dabei beziehen wir Faktoren wie Raum, Klima, Akustik, Licht und die eigentliche Arbeitsplatzgestaltung ein.
Aus welchen Beweggründen kommen Firmen auf Sie zu?
Oft resultiert die Kontaktaufnahme aus hohen Krankenständen, Überlastungen der Mitarbeiter, Stress, Erschöpfung und Burnout. Oft sind es auch Probleme mit der Selbstorganisation oder Abgrenzungsschwierigkeiten. Daraus entstehen Konflikte. Oder ich nenne es lieber Kommunikationsprobleme. Es treten Geschäftsführer, Führungskräfte, betroffene Mitarbeiter, Personalleiter oder Personalentwickler an uns heran. In vielen Unternehmen nimmt der Zeit- und Leistungsdruck zu. Die Aufgaben werden komplexer und es sind schnellere Reaktionszeiten erforderlich. Wie sehr wirken sich solche Faktoren auf die persönliche Resilienz aus?
Keine Frage, diese Ursachen spielen eine große Rolle. Gestresst sind häufig vor allem Führungskräfte, weil sie am stärksten von Restrukturierungsprozessen betroffen sind. Oft verlieren sie dadurch ihre Kompetenzen und Entscheidungsbefugnisse. Sie verlieren an Einfluss, Agilität und Flexibilität. Uns geht es darum, ihnen zu vermitteln, dass Krisen zum Alltag gehören, dass sie lernen, mit Unplanbarkeit umzugehen.
Mensch&Büro: Wie unterstützen Sie die Menschen in diesen Prozessen?
Wir schaffen Transparenz hinsichtlich der verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Ein Beispiel: Führungskräfte sind häufig aktiv, offen und kreativ gegenüber Veränderungsprozessen. Sie brauchen dazu viel Kommunikation und kurze Wege. Die Mitarbeiter, die die Ideen umsetzen sollen, haben häufig ganz andere Bedürfnisse. Sie sind oft analytisch und ausdauernd strukturiert. Sie benötigen Ruhe, um ihre Aufgaben zu bewältigen. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse prallen besonders in offenen Bürostrukturen aufeinander. Ruhig arbeitende, sensible Beschäftigte leiden im Großraumbüro an Sinnesüberreizung und sind ständig damit beschäftigt, den damit verbundenen Stress abzubauen. Wir machen klar, welche Stressmuster aus den unterschiedlichen Bedürfnissen entstehen. Wenn man es schafft, die eigenen Arbeitsschwerpunkte und die räumliche Umgebung anzupassen, dann ist das schon die halbe Miete.
Welche kurzfristigen Maßnahmen lassen sich hier umsetzen?
Man kann Trennwände aufbauen, wenn es sein muss, auch nur für einen einzelnen Mitarbeiter, der sich gestört fühlt. Oder man erstattet die Kosten für lärmreduzierende Kopfhörer – wie ein IT-Unternehmen in Hamburg. Ebenso wichtig ist es aber, Verhaltensabsprachen in Teams zu treffen. Sie kennen sicher den Lombard-Effekt, wenn die Geräuschkulisse immer lauter wird, weil alle immer lauter sprechen. Das kann man durchbrechen. Ein Beispiel: Jemand hebt die Hand und schweigt. Der nächste hebt die Hand und schweigt. Das erzeugt einen Schneeballeffekt. Zum Schluss ist es in dem Raum drei bis vier Sekunden lang still und alle reden anschließend mit deutlich leiserer Stimme weiter. Das sind kleine, niederschwellige und damit alltagstaugliche Ideen, genauso wie die, eine Ampel aufzustellen, die signalisiert, ob ich gerade in einer Arbeitsphase bin, in der ich Ruhe benötige oder ob ich für meine Kollegen ansprechbar bin.
Sie beschreiben eine Verhaltensmaßnahme, die vor allem bei akustischen Störungen durch die menschliche Stimme hilft. Das ist ja überhaupt das größte Problem in Open Spaces. Welche Möglichkeiten bieten sich sonst noch an?
Jeder Einzelne muss für sich herausfinden, wie er bei Lärm abschalten kann. Eine Möglichkeit ist es, Musik über Kopfhörer einzuspielen. Man kann aber auch – je nach Bedarf und Arbeitsaufgabe – in eine andere Arbeitsatmosphäre, einen anderen Raum wechseln. Generell empfehle ich, alles abzuschalten, was tönt und blinkt. Also zum Beispiel Handys, Social-Media- und E-Mailbenachrichtigungen. Ganz wichtig ist es auch, dass jeder Mitarbeiter regelmäig Pausen macht, zum Beispiel alle 50 Minuten den Raum verlässt, vor die Tür geht oder einen Ruheraum aufsucht. Die Rituale für solche Mikropausen müssen viele Beschäftigte erst wieder einüben. Dafür kann man in Resilienzseminaren sensibilisieren.
Wenn das nur einzelne Mitarbeiter praktizieren, ist das schwierig.
Ja, deshalb muss man eine Vereinbarung im gesamten Team treffen. Das funktioniert gut. In Seminaren habe ich erlebt, dass viele Teams ganz kreativ mit solchen Dingen umgehen. Alle Beteiligten müssen verstehen lernen, dass der Kollege oder die Kollegin etwas anderes braucht als man selbst. Dafür entwickeln die Teams schnell großes Verständnis.
Nach dem Arbeitsschutzgesetz und der Unfallverhütungsvorschrift „Grundsätze der Prävention“ sind alle Arbeitgeber dazu verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Dazu zählt auch das Erfassen psychischer Belastungen. Erfahren Resilienztrainings damit eine höhere Akzeptanz?
Momentan erkenne ich dadurch noch keine gravierenden Veränderungen. Aber viele Unternehmen haben das Thema „Resilienz“ für sich erkannt und verbinden das mit langfristigen Projekten. Ihre Motivation liegt darin begründet, dass sie sich angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels als vorbildliche Arbeitgeber präsentieren wollen.
Sind Firmen, die bereits ein betriebliches Gesundheitsmanagement implementiert haben, offener für Resilienzseminare?
Für die Wirksamkeit spielt es keine Rolle, ob es Einzelmaßnahmen oder Bausteine eines betrieblichen Gesundheitsmanagements sind. Ob die Seminare wirken, lässt sich nur anhand von Verhaltensänderungen messen. Leider stellen wir immer wieder fest, dass die einzelnen Maßnahmen nicht aufeinander abgestimmt sind, sondern Insellösungen bilden. So gibt es oft Programme für Führungskräfte und solche für Mitarbeiter. Da ist eine klare Struktur gefragt.
Welche Erfolge erzielen Sie mit Ihren Trainings?
In den Fällen, in denen wir die Maßnahmen evaluieren können, zeigen sich die nachhaltigsten Erfolge. Wir können dann den Entwicklungsprozess länger begleiten und die einzelnen Maßnahmen gezielter steuern. An einem Vergleich lässt sich das gut veranschaulichen: Wenn ein Patient oft müde und antriebslos ist, kann man durch Geduld herausfinden, welche Ursache dahinter steckt. Man kann aber auch ein Blutbild machen und dabei feststellen, dass Eisenmangel die Ursache ist. Das heißt, mit einer guten Diagnostik kann man schnellere Ergebnisse erzielen.
Mensch&Büro: Welchen Nutzen hat der Einzelne von Ihren Resilienzseminaren?
Der Mitarbeiter erfährt mehr über sich selbst und lernt, sich auf seine Stärken zu verlassen. Er ist schneller in der Lage, eine bevorstehende Krise abzumildern oder Krisen zu vermeiden. Letztlich kann er mit Belastungssituationen besser umgehen, weil er erlebt, wie er selbst die Arbeitsorganisation verändern und gestalten und somit seine Durchsetzungskraft steigern kann. Er wird mutiger, offener und agiler. Mit anderen Worten: Raus aus der Ohnmacht.
Wie stark profitieren die Unternehmen von Ihren Seminaren?
Sie erleben, dass die Beschäftigten kreativer werden, proaktiver mit Veränderungen umgehen und seltener krank sind. Wenn sie zudem noch bereit sind, ihre Unternehmenskultur zu ändern, bekommen sie ein besseres Image als Arbeitgeber. Aber sie müssen auch damit rechnen, dass die Mitarbeiter kritischer werden. Das Interview führte Gabriele Benitz. Praxistipps von Ella Gabriele Amann:
Unterbrechen Sie den Lombard-Effekt: Reduzieren Sie die Lärmbelastung im Großraumbüro, indem Sie regelmäßig den Lombard-Effekt verringern. Der Lombard-Effekt wurde nach dem französischen Wissenschaftler Étienne Lombard (1868–1920) benannt. Danach spricht ein Mitarbeiter bei Vorhandensein von Hintergrundlärm lauter und erhöht auch meist seine Tonlage, damit er sich bei einem hohen Geräuschpegel im Büro trotzdem gut mitteilen kann. Das führt dazu, dass der Lärmpegel in einem Großraumbüro über die Zeit kontinuierlich ansteigt. Möchten Sie im Großraumbüro Stressfaktoren reduzieren und konzentrierter arbeiten, dann unterbrechen Sie den Lombard-Effekt immer wieder, indem Sie zum Beispiel auf Handzeichen oder beim Anschlagen einer Glocke für einen kurzen Moment Ihre aktuellen Gespräche für eine Sekunde unterbrechen um dann bewusst in der leiseren, normalen Lautstärke weiterreden. Mit ein wenig Übung können im Büro alle gemeinsam dafür sorgen, dass sich dadurch die Arbeitsatmosphäre erheblich verbessert. Nutzen Sie Spezialkopfhörer zur Lärmreduktion: Sie haben nicht die Möglichkeit, sich für ein konzentrierteres Arbeiten in einen Ruhe- oder Konferenzraum zurückzuziehen? Dann investieren Sie in einen der neuen Kopfhörer mit Acoustic Noice Canceling® Effekt. Der Kopfhörer verringert Nebengeräusche deutlich und ermöglicht es Ihnen, sich wieder besser auf Ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie können sich zwischendurch ebenso durch Naturgeräusche oder eine entspannende Musik Ihrer Wahl leichter entspannen und wieder Kraft tanken. Die Kosten für solche Kopfhörer übernehmen heute teilweise oder sogar vollständig die Firmen. Sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten darüber und vereinbaren Sie mit Ihrem Team Absprachen darüber, wie Sie den Kopfhörer einsetzen können. Achten Sie auf Ihre Regenerationszeiten und auf Ihr Mini-Time-Out: Die gemeinsame Arbeit im Großraumbüro hat viele Vorteile. Doch sie ist nicht für alle Mitarbeiter gleichermaßen effektvoll und produktiv. Sie stehen permanent unter Beobachtung, sind ständig Nebengeräuschen von Telefonen, Druckern, etc. sowie den Telefonaten und Gesprächen Ihrer Kollegen ausgesetzt. Ihre Sinne werden kontinuierlich angesprochen, oft überflutet und überreizt. Wollen Sie Stress reduzieren, Ihre kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit wieder steigern, achten Sie daher besonders auf regelmäßige Pausen. Verlassen Sie spätestens alle 90 Minuten Ihren Arbeitsplatz für eine kurze Entspannungspause. Vor allem immer dann, wenn Sie an einer Arbeit festsitzen und nicht weiterkommen. Machen Sie ein 5-Minuten-Time-out: Suchen Sie einen ruhigeren Raum auf, gehen Sie ein paar Meter, dehnen und strecken Sie sich, schnappen Sie am besten kurz frische Luft. Atmen Sie wieder tief durch, lassen Sie vor allem auch Ihre Augen für ein paar Minuten in die Ferne schweifen und checken Sie in dieser Pause nicht Ihre E-Mails oder Social-Media Seiten. Lassen Sie sich nicht zu einem Gespräch verleiten. Pause heißt in diesem Fall Pause. In diesen fünf Minuten verlieren sie keine wertvolle Arbeitszeit. Ganz im Gegenteil, sie können durch die Mini-Regeneration die nächste Arbeitsstunde wieder viel effektiver, kreativer und produktiver nutzen.
Ella Gabriele Amann
Geboren 1963 in NRW berät die Juristin und Lehrtrainerin für Resilienz seit 20 Jahren Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter u.a. zu den Themen Gesunde Führung, Arbeitsorganisation und Arbeitsplatzgestaltung. Sie ist Entwicklerin des integrativen Resilienz-Zirkel-Trainings nach dem Bambus-Prinzip® und Autorin der Haufe Taschenguides „Resilienz“ und „Selbstcoaching“. Sie lebt in Berlin und leitet dort das internationale Trainer- und Berater-Netzwerk des ResilienzForum.