Verwaltungsgebäude von Graham Baba Architects

Industrielle Peripherie

Die Hauptverwaltung eines Obstproduzenten setzt einen Gegenakzent zur industriellen Umgebung. Der von Graham Baba Architects aus Seattle entworfene Holzbau öffnet sich zu einem Gartenhof und bildet eine grüne Enklave in einer unwirtlichen Landschaft.

Autor Hubertus Adam

Das durch den Mount Rainier und die westliche Kaskadenkette geschützte Yakima Valley im Süden des US-Bundesstaats Washington gilt als eines der bedeutenden Weinbaugebiete der USA.

Aufgrund des sonnigen Klimas hat aber auch der Anbau von Obst Tradition – zahlreiche Sorten gedeihen hier und werden zum Teil weltweit versandt. Die Stadt Yakima mit ihren gut 90 000 Einwohnern ist das Zentrum des Obstanbaus.

Große Sortier- und Lagerhallen prägen insbesondere den Norden der Stadt, wo der Highway 12 im Tal des Naches River verläuft, kurz bevor dieser in den Yakima mündet. Zu den ortsansässigen, auf Obstproduktion spezialisierten Betrieben zählt die Washington Fruit & Produce Company. Das im Jahr 1916 gegründete Familienunternehmen kultiviert Äpfel, Birnen, Kirschen und Trauben in Washington sowie im benachbarten nördlichen Oregon.

Dualismus

Um die River Road sind zwischen 2010 und 2015 riesige Betonhallen entstanden, in denen die Früchte gewaschen, kontrolliert, nach Größe sortiert und verpackt werden.

Das funktioniert unter Verwendung aktueller Logistiksoftware weitgehend automatisiert, die Sortieranlagen gelten als die modernsten der Welt. Allein 3,3 Mio. Äpfel verlassen das Firmengelände pro Tag. Für den Neubau der Verwaltung, mit dem das große Bauprogramm auf dem mehr als 12 ha messenden Gelände an der River Road 2016 vorerst abgeschlossen wurde, wünschte man sich ein ästhetisches Gegenbild zu dem durch fensterlose Lagerhallen, asphaltierte LKW-Wendeplätze und haushohen Stapeln von Obstkisten geprägten Firmengelände. Stattdessen sollte eine Oase in einer Wüste aus industriellen Funktionsbauten geschaffen werden.

Architekt J. Brett Baba vom Büro Graham Baba Architects beschreibt die Vorstellungen des Auftraggebers im Gespräch folgendermaßen: „Ziel war es, eine Oase zu schaffen, einen Raum für die Mitarbeiter mit gesunder, heiterer, ruhiger und angenehmer Atmosphäre.

Dieses Ziel bestimmte den Entwurf und führte zu einem nach innen gerichteten Gebäude, das sich um einen Hof gruppiert und die Beschäftigten vor der agrarindustriell geprägten Umgebung und dem nahen Freeway schützt. Außerdem wünschte sich die Bauherrschaft ein stützenfreies Inneres, gut belichtet und frei von sichtbaren Installationen.“

Die „Oase“ befindet sich zurückgesetzt westlich hinter den Lager- und Sortierhallen und ist von einem bewachsenen Geviert aus Erdwällen umgeben. Errichtet aus dem Aushub der Baustelle, fungieren diese im wahrsten Sinne des Wortes als Umfriedung: Sie schützen vor dem Lärm der Umgebung und begrenzen optisch das Gelände des neuen Headquarters.

Auch wenn der Neubau tatsächlich die Funktion einer Hauptverwaltung besitzt, führt der Begriff dennoch in die Irre. Denn hier ist keine sterile Aggregation von Büroräumlichkeiten entstanden, sondern eine in das Grün der Landschaft eingebettete, lichtdurchflutete und offene Arbeitswelt.

Die Großform des L-förmigen, breitgelagerten Volumens mit seinen flach geneigten Dächern erinnert an landwirtschaftliche Nutzbauten, und tatsächlich wurden für Teile der äußeren Verkleidung Bretter einer abgerissenen Scheune wiederverwendet. Aus Gründen der Nachhaltigkeit – aber auch, um die gewünschte warme und nicht industriell geprägte Atmosphäre zu erzielen – entstand das Bürogebäude als Holzbau.

Dabei kam eine Zangenkonstruktion zum Einsatz: In die paarweise angeordneten Dachträger aus verleimtem Brettschichtholz sind jeweils zwei Stützen eingespannt, welche sich überkreuzen und die Last vor der Nordfassade abtragen. Diese außen liegende Partie des Tragwerks erlaubte den Verzicht auf Stützen im Inneren; eine Unterspannung mit Zug- und Druckstäben aus Metall komplettiert das statische System.

Zunächst war es geplant, die Träger samt Unterspannung vorgefertigt auf der Baustelle zu versetzen. Doch dann entschied man sich für die Montage vor Ort. Dafür wurde unterhalb des Dachfirstes eine temporäre Wand errichtet, die nach der Installation und Spannung der Zugstäbe entfernt werden konnte.

Ohne Umschweife

Der Innenraum wird als fließend, großzügig und offen wahrgenommen, da er sich durch die vollflächige Verglasung zum nördlich vorgelagerten Gartenhof hin öffnet. Hinzu kommt, dass die Deckenuntersicht unverkleidet blieb – die Installationen befinden sich unterhalb des Fußbodens – und die Trennwände für die Einbauten nicht bis zur Decke geführt wurden. Büro- oder Besprechungsräume, von Holz- oder Glaswänden umgeben, stehen wie Zellkörper in einem fließenden Raumkontinuum, dessen lichte Höhe unter dem First sechs Meter erreicht.

Davon abgetrennt sind lediglich die Einzelbüros, die eine eigene Raumschicht entlang der Südfassade bilden. Wegen der permanenten Telefonate belegt die Verkaufsabteilung den Seitenflügel im Nordwesten. Die Einrichtung ist klar strukturiert und folgt dem durch den Rhythmus der Dachträger vorgegebenen Raster. Glas sorgt für opulente Durchblicke und Transparenz, Holz für ein warmes und angenehmes Raumklima.

Vom Parkplatz aus führt ein erhöhter Bohlenweg durch den Gartenhof direkt zum Eingang, der als holzausgekleideter Windfang gestaltet ist. Ein Speisesaal mit einem neun Meter langen Tisch, an dem die Mitarbeitenden und die Farmarbeiter zusammenkommen können, ist als separates pavillonartiges Volumen ausgebildet. Er bildet die nördliche Begrenzung des Gartenhofs, fügt sich aber mit großflächiger Verglasung, Holztragwerk und Dachneigung in die Gesamtstruktur des Bauwerks ein.

Die Idee der Oase mit dem grünen Gartenhof ist Realität geworden. Oder, wie J. Brett Baba es formuliert: „Eine gut belichtete, sehr ruhige und überdies offene Arbeitsumgebung zu schaffen, das waren die höchsten Prioritäten.“


Architekt J. Brett Baba

gründete 2006 gemeinsam mit James Graham das Büro Graham Baba Architects. Seitdem arbeiten rund 25 Mitarbeiter in den Gebieten Wohn-, Objekt-, Handels-und Kulturbauten.
Webseite des Architekturbüros

Portrait: Spike Mafford Photography

Factsheet

Projekt: Washington Fruit & Produce Company Headquarters

Architekten: J. Brett Baba, Graham Baba Architects, Seattle, WA, USA

Standort: 1111 River Rd, Yakima, WA, USA

Bauherr: Washington Fruit & Produce Company

Bauaufgabe: Verwaltungsgebäude

Baubeginn: 2014

Fertigstellung: 2016

Größe des Grundstücks: 12,41 ha

Gesamtfläche: 1 533 m²

Geschossanzahl: 1 mit kleinem Mezzanin

Wand- und Deckenverkleidungen: Architextures Fabric Panels von FabriTrak mit Carnegie Fabrics; partielle Holzverkleidungen

Farbe: Benjamin Moore

Böden: Hartholzboden und Marmoleum

Teppich: Auslegeware und Teppichfliesen von Shaw

Beleuchtung: versenkte Strahler von Lotus; Trac-System von Tegan; LED-Streifen von Häfele in Bodenleuchten, entworfen von Graham Baba Architects; Unterschrankbeleuchtung von Tech Lighting; Schreibtischleuchten Tolomeo von Artemide; Hängeleuchten aus Stahl, entworfen von Graham Baba Architects; Konferenzraumbeleuchtung von Resolute; Hängeleuchten von Foscarini

Möblierung: Büromöbel von Herman Miller; spezialangefertigte Tische, Schreibtische und Regale von Stusser Woodworks und Meyer Wells

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