Behördenzentrum B30 in Den Haag

Monument entmachtet

Aus einem historistischen Behördenkoloss haben Kaan Architecten ein modernes Verwaltungszentrum geschaffen. Sie entwickelten die Formensprache des denkmalgeschützten Bestands weiter und nahmen ihm die erdrückende Schwere.

Autor Christian Schönwetter

Die Lage könnte kaum besser sein: Wer das Behördenzentrum B30 im niederländischen Den Haag besucht, braucht vom Hauptbahnhof nur ein paar Schritte zu gehen – die perfekte Anbindung für öffentliche Verwaltungen mit Publikumsverkehr. Fünf staatliche Einrichtungen, darunter die nationale Datenschutzbehörde und das Amt für Umwelt und Infrastruktur, sind hier unter einem Dach vereint. Die Angestellten können sich über ihren Arbeitsplatz wirklich nicht beklagen. Sie profitieren nicht nur vom zentralen Standort, sondern auch von einem weitläufigen Park hinter dem Gebäude, sodass sie ihre Mittagspause im Grünen verbringen können. Ganz abgesehen davon arbeiten sie in einem der imposantesten Bürogebäude der Stadt. Im Jahr 1917 von Regierungsbaumeister Daniel Kruttel auf einem H-förmigen Grundriss errichtet, diente es viele Jahre als Ministerium. Kruttel gab dem Bau eine historistische Fassade, die italienische Palazzi heraufbeschwört; im Innern sorgte er mit üppigen Treppenhallen, natursteinverkleideten Foyers, aufwendigen Steinmetzarbeiten und dunklen Wandvertäfelungen sowie ornamentalen Schnitzereien für jenen Prunk, mit dem sich öffentliche Institutionen damals gerne in Szene setzten. So unverrückbar der Machtanspruch des Staates, so schwer und massiv seine Bauten. In den frühen 90er-Jahren wurde das Gebäude erheblich erweitert. Hans Ruijssenaars stockte den Mittelflügel um zwei Geschosse auf und überbaute die Höfe mit dreigeschossigen Körpern – alles in einer späten Spielart der Postmoderne, die auf viel Stahl und Glas setzte.

Als gut zwanzig Jahre später erneut ein Umbau nötig wurde, standen Kaan Architecten vor einer widersprüchlichen Aufgabe: Zum einen galt es,
das denkmalgeschützte Gebäude zu bewahren, zum anderen, ihm den typischen Behördenmief auszutreiben und ein zeitgemäßes Arbeitsumfeld zu schaffen. Und für den Umgang mit der postmodernen Erweiterung musste auch eine Lösung gefunden werden.

Radikaler Neuanfang

Man entschied sich für Tabula rasa. Die Zeitschicht aus den 90er-Jahren wurde komplett abgebrochen, sodass wieder mehr vom ursprünglichen Gebäude sichtbar wurde. Zwar entstand wieder eine Aufstockung über dem Mittelflügel, doch sie überragt die anderen beiden Trakte nicht, sondern ordnet sich ihnen unter. Die Überbauung der Höfe ist ebenfalls auf ein verträglicheres Maß zurechtgestutzt und lässt Platz für zwei geschützte Gärten. Auch mit der rund hundert Jahre alten Bausubstanz verfuhr man nicht allzu zimperlich. „Das historische Gebäude wird nicht als totes Museumsstück betrachtet, sondern als vitaler, nachhaltiger Bestandteil der Gesamtplanung“, umschreiben Kaan Architecten ihre Haltung. Sie verschmelzen Alt und Neu zu einem stimmigen Ganzen und verschleifen dabei die Übergänge zwischen den Zeitschichten.

Man betritt das Bauwerk über ein gravitätisches Portal in der Mitte der Straßenfassade. Mit gezielten Durchbrüchen haben die Architekten im Inneren lange Sichtachsen geschaffen, um die Orientierung im weitläufigen Eingangsgeschoss zu erleichtern.

Immer wieder fällt der Blick nach draußen, sei es auf die Straße, in den Park oder in die Gartenhöfe. Die gesamte Etage ist öffentlich zugänglich. Zur Rechten liegt ein Foyer für den Seminarbereich. Es erschließt eine Vielzahl kleinerer Besprechungszimmer, vor allem aber den großen Konferenz- und Vortragssaal. Als neuer Baukörper ist er teilweise ins Erdreich eingelassen, um den Hof nicht zu sehr zu verstellen. Beigefarbener Kalkstein bekleidet nicht nur das Saalvolumen, sondern bedeckt auch den Foyerboden, sodass man sich hier beinahe wie in einem Außenraum vorkommt – der Hofcharakter ist immer noch spürbar.

Links vom Haupteingang gelangt man in das sogenannte „Arbeitsfoyer“, einen ebenfalls neuen Raum. Er bietet informelle Arbeitsinseln, eine Loungezone, Bibliothek und Espressobar. Im Sommer lässt er sich mit riesigen gläsernen Schwenktüren zur Terrasse im Hof öffnen, sodass die Grenze zwischen innen und außen verschwindet. Mit ihren überbreiten, schweren Rahmen legen die Türen eine Wuchtigkeit an den Tag, die gut zu dem massiven Bestandsbau passt, die jedoch durch die Materialwirkung des spiegelnden und auf Hochglanz polierten Aluminiums gleichzeitig ironisch gebrochen wird. Bei der Foyerdecke greifen die Architekten das Motiv der Kassettierung auf, das sich im Altbau an vielen Stellen findet. Sie nutzen es für quadratische Oberlichter, die sich nach oben verjüngen und als asymmetrische Pyramiden Helligkeit in den Raum holen – auch hier wird also ein Merkmal der Bestandsarchitektur herangezogen und verfremdet.

Das Zentrum des Eingangsgeschosses bildet ein überdachtes Atrium, das auch eine räumliche Verbindung zu den oberen Stockwerken herstellt. Für diesen Dreh- und Angelpunkt des Gebäudes wurde eigens ein Künstler verpflichtet, der den Boden gestaltete. Rob Birza entwarf einen gemusterten Terrazzo. Das farbenfrohe moderne Großornament lässt sich als Abstraktion eines Blütenteppichs auffassen und knüpft damit Bezüge zum angrenzenden Park und den beiden begrünten Höfen. Gleichzeitig fügt sich der Terrazzo als typisches Material der Gründerzeit harmonisch in den Altbau ein. Auf der Rückseite des Gebäudes schließlich findet sich ein großes Restaurant. Es erstreckt sich als eine Enfilade über acht Räume, die alle Ausblick über einen kleinen Bach hinweg in den Park bieten.

Während sich im Eingangsgeschoss also derjenige Teil des Raumprogramms bündelt, der für Interaktion und öffentliche Begegnung gedacht ist, bleiben die Mitarbeiter in den oberen Geschossen weitgehend unter sich. Hier wurde die vorhandene großzügige Raumstruktur des Altbaus erhalten und nimmt nun Büros für je zwei bis fünf Personen auf.

Mehr Durchblick

Die aufgestockte Etage bietet zusätzlich kleine Zellen für hoch konzentrierte Einzelarbeit. Der einprägsamste Raum ist jedoch das ehemalige Büro des Ministers im ersten Obergeschoss. Natürlich liegt es genau in der Symmetrieachse des Gebäudes direkt über dem Haupteingang. Die historische wandhohe Vertäfelung verströmt ein Maximum an Gediegenheit. Heute finden dort Konferenzen mit bis zu zwanzig Teilnehmern statt, die um einen alten, großen, schweren Holztisch sitzen. Über ihnen schwebt ein neues filigranes Lichtobjekt von Jan Pouwels, das mit zarten Metallstäben und Hunderten von Leuchtpunkten dem Raum ein Moment von Leichtigkeit hinzufügt.

Und die Straßenansicht? Hat der Wandel im Inneren des Gebäudes Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild? „Die Veränderung der Raumhierarchie und die Bedeutung des Erdgeschosses drücken sich nun in der Fassade aus, indem die Fenster vergrößert wurden“, erläutern Kaan Architecten. „Die Öffnungen wurden nach unten bis zum steinernen Gebäudesockel verlängert.“ Dadurch können Passanten vom Gehweg aus ins Eingangsgeschoss blicken. Das Behördenzentrum öffnet sich zum Straßenraum und wirkt deutlich einladender als zuvor. Auf architektonischer Ebene bietet es damit Transparenz und Bürgernähe.


Architekten Kees Kaan, Vincent Panhuysen und Dikkie Scipio

Kaan Architecten www.kaanarchitecten.com

Gründungsjahr: 2014 Mitarbeiter: 80

Arbeitsgebiete: Architektur, Studien, Innenarchitektur, Stadtplanung

Portrait: Casper Rila

Factsheet

Projekt: B30

Architekten: Kaan Architecten

Standort: Bezuidenhoutseweg 30,
Den Haag / Niederlande

Bauherr: Central Government Real Estate Agency (Rijksvastgoedbedrijf)

Bauaufgabe: Verwaltungsgebäude

Planungsbeginn: 2012

Fertigstellung: 2017

Gesamtfläche: 21 000 m²

Baukosten: 31 000 000 €

Materialien (Decke Wand Boden): Terrazzo von Rob Birza; israelischer Kalkstein ‚Ramon Grey‘ als Bodenbelag und teilweise Wandbekleidung; amerikanische Eiche
als Parkett; hochglanzpoliertes Aluminium als Rahmen der Terrassentüren

Mobilierung: Drehstuhl ‚ON‘, Freischwinger ‚Neos‘, Tische ‚Timetable Shift‘, Beistelltische ‚Aline‘ – alles Wilkhahn; Clubsessel ‚Typical English‘ von Buckingham Club im Arbeitsfoyer; Sessel ‚Gispen 407‘ von Gispen im Seminarfoyer; Terrassenbestuhlung ‚Toy‘ von Driade

Beleuchtung: Kronleuchter im Atrium und Ministersaal von Random Light, Jan Pouwels; Strahler Trackspot Tino LED Special 1–10V von LUG Company