Coworking
Eine Word-Cloud aus einigen Begriffen zum Thema. Collage: Ahmet E. Çakir
Spot on Office

Human cloud

Wie muss man kulturell gestrickt sein, damit man mobil und in Coworking Spaces arbeiten kann, fragt sich unser Kolumnist. Und welche Schattenseiten bringt der Aufbau flexibler Strukturen mit starker Dezentralisierung innerhalb der Unternehmen mit sich?

Einem nie zu bestätigenden Gerücht zufolge wurde die Arbeit als Strafe nach der Vertreibung aus dem Paradies verhängt. Anlass war ein genussvoller Biss in einen Apfel. Nachrichten mit besseren Quellen berichten allerdings, der Biss sei in einen Granatapfel erfolgt. Da wäre er etwas weniger genussvoll, die Schale schmeckt bitter. So wie die Arbeit seitdem für viele.

Kein Wunder, dass alle fleißig daran arbeiten, die Arbeit genießbarer zu gestalten. Wer Tweets guter Personaler dazu Revue passieren lässt, findet in weniger als einer Stunde mehr als genug Ideen, um als Extremist vom Staatsdienst ausgeschlossen zu werden. Nicht heute in Zeiten von New Work, aber gestern in den 1970ern, wegen Aufwiegelns der Arbeiterklasse. Und die 1970er stecken vielen Unternehmen noch in den Knochen. Die Bürger der New Work City verkünden allerdings, die Zukunft der Arbeit sei selbstbestimmt. Bestimmt. Sie muss aber noch kommen.

Das könnte etwa so geschehen: Ein Analog-Büromensch liegt ermattet von einem Tippmarathon auf seinem PC im Pausenraum des Großraumbüros auf seiner Yogamatte und versucht herauszubekommen, wo Apple die vermaledeite Undo-Funktion auf dem iPad versteckt haben mag. Da naht die Erlösung. Der Besitzer der sanften Hand auf seiner Schulter flüstert: „Nimm dein Brett und geh hin nach Berlin zu den fünf Hallen, da haben sie Coworking-Spaces. Sie vermieten keine Schreibtische, sondern offene Innovationsräume. Da wirst du geholfen. Wenn du mit den Adlern gen Himmel schweben willst, musst du den Tümpel mit den Enten verlassen.“

Flugs wurde der Mensch produktiv, nahm sein iPad und ging hin und manchmal her. Später fand ihn der Herr im Coworking-Space: „Du bist digital produktiv geworden; sündige nicht mehr, als dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Der Erlöste machte sich mit seinem Brett unter dem Arm auf zu interessanten Locations zwischen Lissabon und San Francisco, würdigte die Friedhöfe der Start-ups keines Blickes und lustwandelte in immergrünen Parks mit anderen digitalen Nomaden. Coworking und Coliving … Und koscheres Essen in der Factory Kitchen?

Frei nach einer Börsenweisheit kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. So auch mit der Telearbeit. Remotes Arbeiten harrte noch seiner Erfindung. Und die Auguren sagten etwa 1980, die Zentralisierung der Arbeit finde ihr Ende, weil der Computer es erlaube, überall zu arbeiten. Die Sache stimmte – theoretisch. Praktisch sah es damals so aus, dass man eine Maschine für 18 000 DM kaufen musste, die im Monat 200 DM an Grundgebühr kostete, um Texte zu Hause tippen zu dürfen. Die Manuskripte kamen per Post oder Fax. Die Maschine schickte die getippten Texte zwar in zehn Sekunden um die Welt, aber ohne Tabellen. Die konnte man nur mit einer Schreibmaschine tippen. Adressen auf Umschläge ebenfalls.

So entstand die Vorstellung einer prekären Arbeit mit drei K: Kinder, Küche, Komputer. Das Letzte nur der Alliteration willen. Und heute? Wenn die Voraussetzung für einen gelungenen Wandel durch moderne Arbeitsformen, eine Vertrauenskultur zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, Realität wird, ist Telearbeit beziehungsweise Home Office eine Belohnung für bisherige Verdienste.

Die zweite Voraussetzung, der Aufbau flexibler Strukturen mit starker Dezentralisierung innerhalb der Unternehmen, ist dank des technischen Fortschritts realistisch geworden – und vielfach real. Dazu musste man nicht nur eine halbe Milliarde Meter Kabel um die Welt legen, die zwar Daten transportieren, aber keine digitalen Nomaden. Dennoch können diese heute, analog per Flieger angereist, ihre Arbeit fast überall verrichten, so sie welche haben. Die Daten sind schon mal mobil.

Wie muss man kulturell gestrickt sein, damit man in dieser mobilen Form arbeiten kann? Dazu braucht man auf jeden Fall eine hohe Selbstkompetenz, auch und gerade in technischen Dingen. Zu dieser hat insbesondere das Smartphone beigetragen. Dadurch hat man nicht nur die vorhandene Arbeit zu erledigen gelernt, sondern völlig neue Arbeitsweisen geschaffen. Der digitale Nomade kann sich hoch in die „Human Cloud“ schwingen.

So las ich mitunter: „In der ‚Human Cloud‘ schrumpft der globale Arbeitsmarkt zu einem einzigen virtuellen Mega-Büro zusammen.“ Sehr schön! Woanders las ich allerdings ebenfalls: „Programmierer, Übersetzer, Grafiker oder Webdesigner aus Asien, Indien oder Südosteuropa arbeiten für 11 bis 21 US-Dollar pro Stunde für Unternehmen in Deutschland.“ Das ist weniger schön und beweist: Digitale Autobahnen sind eben keine Einbahnstraßen.

Immerhin habe ich durch Anbieter von Coworking-Spaces etwas Neues gelernt: „Wie viele Studien belegen, hat ein angenehmes Arbeitsumfeld großen Einfluss auf Leistungsfähigkeit und Motivation der Menschen.“ Warum man allerdings nach dem Verlegen einer halben Milliarde Meter Kabel Menschen zum Beispiel in ein Call Center pferchen muss, erklärt mir niemand. Solche Umgebungen sind bestimmt nicht das richtige Biotop für eine artgerechte Haltung von Mitarbeitern. Ich frage mich, ob das die Endstation der digitalen Transformation sein soll. Vielleicht weiß der Cyber-Baum der Erkenntnis hier Rat. Kennt irgend jemand die URL?

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Kolumnist Ahmet E. Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.