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Räume für konzentriertes Arbeiten schuf designfunktion für Ströer in Berlin.
Foto: designfunktion
Über das Zusammenspiel von Deep Work und Cowork

Rückzug planen

Konzentriertes Arbeiten schafft gute Ergebnisse und zufriedene Mitarbeiter. Wie muss sich die Bürowelt verändern, um Austausch zu ermöglichen und Raum für Fokussierung zu bieten?

Autor Dieter Boch

Ständige Ablenkung behindert effizientes Arbeiten. Laute Büros – Akustikmängel rangieren an erster Stelle der Störungen –, parallele Kommunikationskanäle und immer neue Informationen machen es schwer zu entscheiden, was unsere Aufmerksamkeit benötigt.

„Der Reichtum an Informationen schafft eine Armut an Aufmerksamkeit” sagte bereits der Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Sich heute ganz auf eine Sache fokussieren zu können, erscheint im Arbeitsalltag fast unmöglich geworden zu sein.

Inzwischen hat sich der Anteil an wichtigen Aufgaben, die erledigt und Informationen, die entgegengenommen werden müssen, umgekehrt. Die Aufgabe erledigen ist zur „Zwischendurchtätigkeit“ geworden, das Empfangen und Beantworten von Nachrichten zur dominierenden Arbeit. Doch trägt diese Aktivität meist nicht zur Produktivität bei, führt nicht zum gewünschten Ergebnis.

Unterbrechungen Stören

Aber es kann auch anders funktionieren, wie der US-amerikanische Informatikprofessor Cal Newport beweist. Deep Work lautet der Titel seines viel beachteten Sachbuchs. Darin schreibt er: „Wenn das Gehirn die Maschine der Dienstleistungs- und Technologiebranche ist, dann dürfen wir sie nicht andauernd unterbrechen, wir müssen sie in Schwung bringen.” Damit meint Newport, dass der Stress etlicher Mitarbeiter daher rührt, dass sie sich auf die falschen Dinge konzentrieren.

„Was wir denken und fühlen ist die Summe dessen, auf was wir uns konzentrieren”, erkannte auch die Psychologin Winifred Gallagher im Jahr 2016. Wer den ganzen Tag Termine wahrnimmt oder E-Mails bearbeitet, fokussiert sich eher auf Probleme mit Kollegen, Deadlines oder die vielen Informationen in der Mailbox. Wer hingegen in sich versunken arbeitet, so dass er Zeit und Raum vergisst, kennt das wohlige Gefühl, etwas geleistet zu haben.

Gleichwohl ist die Notwendigkeit konzentriert zu arbeiten, keine nostalgische Anwandlung von Schriftstellern. Durch den Wechsel zur Informationsgesellschaft haben wir einen zunehmend größeren Anteil an Wissensarbeitern. Und die müssen anders agieren.

Deep Work heißt auch, dass Bill Gates beispielsweise zweimal jährlich „Denkwochen“ durchführte, in denen er sich in eine Hütte am See zurückzog. Auch die Programmierer von Twitter und Hulu arbeiten tage- oder wochenlang ohne Ablenkung durch E-Mails oder Social Media.

Nichtsdestotrotz sind Menschen soziale Wesen und arbeiten ist eine soziale Aktivität. Daher brauchen sie auch Orte, an denen sie sich treffen und gemeinsam Probleme lösen können. Diesen Wunsch kann Coworking erfüllen. Die mit anderen geteilte Arbeitsatmosphäre im Coworking Space gibt ein Gefühl gemeinschaftlichen Tuns. Sie findet nicht innerhalb der Privatsphäre, in Einzelzimmern oder in Konkurrenz zueinander statt. Arbeit wird wieder öffentlich.

Coworking Spaces

Neue Ideen und Projekte brauchen besondere Räume. Die Beschäftigten wünschen sich eine Umgebung, damit sie jenseits des Tagesgeschäfts und außerhalb des gewohnten Umfelds andere Wege gehen können. Coworking Spaces steigern das Innovationspotenzial, da mehr Interaktionen mit der Außenwelt stattfinden. Auch das Zugehörigkeitsgefühl jedes Einzelnen entwickelt sich stärker.

Beim Coworking geht es um eine Community und nicht um nebeneinander sitzende Einzelkämpfer. Daher bietet das Konzept auch keine Ergänzung zum Home Office, sondern eine Weiterentwicklung hierarchiefreier und organisationsübergreifender Zusammenarbeit. Mit dem Coworking Space als ausgelagertem Projektraum entsteht ein professionelles Umfeld für Projektgruppen. Dafür brauchen sie Räume, die den Charakter von Marktplätzen haben, die Begegnung, Kommunikation und Wissensaustausch fördern.

In der Ausgestaltung fällt daher anpassungsfähigen Raumsystemen und flexiblen Möbeln eine wichtige Rolle zu. Der Arbeitsraum, der sich frei umgestalten lässt, gibt den Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich voll zu entfalten, zu engagieren und zu bewegen. Denn Bewegung ist nicht nur gesundheitserhaltend, sondern schafft Raum für kreative Ideen im Kopf. Das funktioniert nur gut, wenn die Beschäftigten die Arbeitsumgebungen aktiv mitgestalten können.

Zu einem professionellen Umfeld tragen unfertige Räume und Möbel, die sich in das innovationsfördernde Konzept einpassen, etwa falt- und klappbare Tische, rollbare Sitz- und Stehmöglichkeiten sowie beschreibbare Wände und mediale, digitale Unterstützung bei. Es gilt, jenseits der ausgetretenen Pfade zu denken.

Die gezielte Irritation durch eine veränderte räumliche Umgebung zeigt Wirkung: Die Prägung der Vergangenheit, die bisherigen Rollen im Konzern und die Orientierung an der Hierarchie lassen sich zugunsten einer optimalen Zusammenarbeit weitgehend überwinden. Coworking ist ein klares Zeichen in Richtung Output-Orientierung, im Gegensatz zur präsenzorientierten Führungskultur.

Hierarchiefreies Arbeiten

Doch wie geht beides zusammen? „Schon 60 Minuten konzentrierte Arbeit ohne Unterbrechung fördern die Qualität erheblich”, wies Cornelius König, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität des Saarlandes, in einer Studie mit Managern nach. Die Bedingungen sind einfach: Smartphone und Internet ausschalten, an einen Ort ohne Lärmquelle wechseln und sich auf den wichtigsten Punkt der To-Do-Liste konzentrieren. Dann stellt sich das Flow-Gefühl ein.

Das gilt für den Rückzugsraum im Unternehmen und fürs Home Office. Es lässt sich als Absage ans Arbeiten allein auf offenen Flächen verstehen, an eine überbordende Meeting-Kultur oder die Erwartungshaltung, dass Mitarbeiter stets erreichbar sein müssen. Zeitweise „offline“ zu sein, ist heute von unschätzbarem Wert, wenn man die gewonnene Zeit nutzt, sich auf ein wichtige Aufgabe zu konzentrieren. Erst hochkonzentriertes Arbeiten schafft Zufriedenheit. Das wirkt sich auf die Produktivität und Gesundheit aus.

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