Mobile Geräte revolutionieren die Büroarbeit

Work On the Go

Laptop und Smartphone haben die Arbeitswelt in den vergangenen fünf Jahren dramatisch verändert. Doch die wirkliche Revolution steht noch bevor, wenn in den nächsten Jahren mobile Assistenten mit künstlicher Intelligenz die Büros übernehmen.

Autor Peter Welchering

Die Büroarbeit der Zukunft findet nicht mehr im Büro statt. Manager, Vertriebs- und Wissensarbeiter gehen ihrer Tätigkeit im Auto, im Zug, im Home Office und in Besprechungslounges nach. Um Routinetätigkeiten, wie das Buchen von Flügen oder das Zusammentragen von Daten fürs Reporting müssen sie sich nicht mehr kümmern.

„Das erledigen persönliche Assistenten, die Zugriff auf eine ausgeklügelte informationstechnische Infrastruktur haben“, berichtet Howard Wu, Vizepräsident des schwedischen Telekommunikationskonzerns Ericsson. Diese persönlichen Assistenten, auch Office Bot oder Personal Bot genannt, sind Softwaresysteme, die zwischen der Cloud und dem mobilen Endgerät des Wissensarbeiters hin und her wandern. „Smartphones und Tablets werden zum persönlichen Headquarter des Büroarbeiters“, beschreibt Rodrigo Del Prado vom Smartphone-Hersteller BQ die Entwicklung.

Entscheidend sind dabei die Softwareroutinen für das maschinelle Lernen. „Das sind extrem leistungsfähige Systeme der künstlichen Intelligenz, die eine hocheffiziente verteilte Rechenzentrumsstruktur voraussetzen“, erklärt Mike Yang, Geschäftsführer des Rechenzentrumsausstatters Quanta Computer.

Künstliche Intelligenz

Die hochintelligenten mobilen Assistenten verändern nicht nur die Bürolandschaft ganz massiv, sondern stellen auch ganz neue Ansprüche an die Rechenzentren, die die Büro-Clouds betreiben. „Es geht darum, die ganze Palette der Deep-Learning-Systeme als Rechenzentrumsleistung für alle mobilen Endgeräte vom Smartphone übers Tablet bin hin zum ganz neuen Mobile Devices anzubieten“, sagt Mike Yang. Smarte Brillen, auf deren Display sich der im Zug sitzende Vertriebsmanager schnell noch die letzten Verkaufszahlen schicken lassen kann, werden sich nach Meinung des an der Keio-Universität in Tokio lehrenden Computerwissenschaftlers Kai Kunze innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre etablieren. Solche Brillen können sehr viele Assistenzfunktionen sehr viel direkter wahrnehmen als das Smartphone. Das wird dennoch nicht überflüssig werden. „Zum Beispiel die Spracheingabe wird noch viele Jahre an das Smartphone gebunden bleiben“, meint Howard Wu von Ericsson.

Wer mit einem Geschäftspartner und einem Mitarbeiter aus der eigenen Entwicklungsabteilung sowie dem zuständigen Verkaufsberater einen Termin vereinbaren will, sagt das dann einfach dem KI-Assistenz über das Mikro seines Smartphones.

Bots statt Sekretärin

Die auf dem Smartphone installierte Spracherkennungssoftware teilt die relevanten Daten für das gewünschte Meeting dem Office Bot mit, und der setzt sich mit den Bots der Besprechungsteilnehmer via Messenger oder Terminplattform in Verbindung, um einen für alle Beteiligten optimalen Besprechungstermin zu finden.

„Das geht mit einem Smartphone oder Tablet sehr viel schneller als mit der smarten Brille“, meint Kai Kunze. Rodrigo Del Prado sieht hier smarte Uhren, die mit dem Smartphone in Funkverbindung stehen, auf dem Vormarsch. „Die Smartclock ist dabei allerdings ein reines Ein- und Ausgabegerät“, die erste Datenaufbereitung findet auf dem Smartphone oder Tablet statt, bevor der Chatbot dann auf die umfangreichen Ressourcen eines Rechenzentrums zugreift.

„Das setzt eine leistungsfähige Mobilfunkinfrastruktur voraus, bei der Deutschland noch etwas Nachholbedarf hat“, meint Ericsson-Vize Howard Wu. Der Wissensarbeiter wird zwar den Großteil seiner Büroarbeit und seiner Management-Tätigkeit mit mobilen Geräten verbringen, die eigentliche Rechenleistung für die umfangreichen KI-Systeme können jedoch nur von verteilten Rechenzentren erbracht werden. „Das werden allerdings keine firmeneigenen Rechenzentren mehr sein, sondern regelrechte Cloudanbieter“, prognostiziert Mike Yang von Quanta Computer. Die sorgen nicht nur dafür, dass die Personal Bots alle Assistenzfunktionen umgehend und zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber erledigen, sondern kümmern sich auch um Datenaufbereitung per Big-Data-Analyse und die Schnittstellen zu  den zahlreichen dreidimensionalen Visualisierungs-Devices.

Im Meeting der Zukunft dominieren begehbare Datenlandschaften, die Produktionszahlen oder statistische Zusammenhänge sinnlich erfahrbar machen. Die Techniken dafür sind schon heute in den Caves der virtuellen Realität vorhanden. Allerdings benötigen die noch immer vier Projektionswände zuzüglich zur Decke und dem Boden, um aus einer Zahlenkolonne eine Vertriebslandschaft in die Cave zu zaubern.

Zahlenlandschaften

Bei Meetings, bei denen alle Teilnehmer persönlich anwesend sind, wird das mit lasergestützten Holoprojektoren erledigt. Bei virtuellen Besprechungen sind solche VR-Projektionen eine Angelegenheit smarter Brillen. Mit denen taucht der Besprechungsteilnehmer dann vollständig in die Zahlenlandschaft ein. Und er kann zu den anderen Teilnehmern direkt umschalten, denn die dreidimensionale Videokonferenz per Smartbrille wird zu den Standard-Office-Anwendungen der Zukunft zählen. Gleichzeitig erlaubt die smarte Brille auch eine Kontrolle der Mitarbeiter, wie sie bisher noch nie möglich war mit Büroarbeitern. So zeigt die Brille ihrem Träger zum Beispiel an, dass er gerade müde wird und empfiehlt eine Pause, damit er wieder mit mehr Schwung weiterarbeiten kann.

Der Brillenträger kann so seine Leseleistung optimieren, er verplempert keine Zeit mit unkonzentriertem Lesen. Solche Anwendungen stehen teilweise schon kurz vor der Marktreife. Sie messen mit einer in die Brille integrierten Augenkamera die Pupillenbewegungen und die Blinzelfrequenz. Außerdem werden die Veränderungen der elektrischen Spannung an der Netzhaut aufgezeichnet.

Diese Daten werden zu Mustern verdichtet, aus denen dann berechnet werden kann, was der Brillenträger gerade mit hoher Wahrscheinlichkeit liest, ob er mit anderen Menschen redet und wie konzentriert er dabei ist. Vervollständigt werden diese Analysen noch von Messungen der Sauerstoffsättigung des Blutes und weiterer Körperdaten wie Temperatur, elektrischer Widerstand der Haut oder Pulsfrequenz, Blutdruck und Blutzucker. Dafür werden zum Teil auch handelsübliche Fitnessarmbänder verwendet.

Smarte Brillen

Was Fitnessarmbänder mit dahinter stehenden Analyseprogrammen für die körperliche Leistungsfähigkeit machen können, das werden auch bald intelligente Brillen mit samt ihrer Analysesoftware für die geistige Leistungsfähigkeit bieten. Davon sind die Forscher an der Keio-Universität und am japanischen Nationalinstitut für Radiologie überzeugt.

In den Personalabteilungen großer Konzerne werden diese Forschungsarbeiten mit erheblichem Interesse verfolgt. Denn für die innerbetriebliche Organisation und damit auch für die Büroarbeit der Zukunft erhoffen sich Personalchefs ganz neue Impulse. So könnte der einzelne Mitarbeiter seine individuellen Daten, angefangen bei den Augenbewegungen über die Hirnaktivitäten bis hin zu den üblichen Vitalfunktionen in die Unternehmens-Cloud hochladen. Die dort installierte Analysesoftware errechnet daraus persönliche Tipps zur Steigerung seiner geistigen Fitness. Außerdem können die Aufmerksamkeitsmuster für die Erstellung individueller Lernprogramme verwendet werden.

Ob Mitarbeiter ihren Arbeitgebern aber ein solch weitreichendes Kontrollinstrument über ihr Denken, Fühlen und insgesamt ihre geistigen Fähigkeiten in die Hand geben sollten, ist umstritten. Sind solche Daten erst einmal in einer Cloud, ist ihr Missbrauch durch Sicherheitsbehörden und organisierte Kriminalität nicht ausgeschlossen. Letztlich kann durch solche mentalen Selbstoptimierungssysteme jeder Einzelne manipuliert und fremdbestimmt werden. Das wird sich als große Herausforderung bei der Organisation der Büroarbeit der Zukunft mit mobilen Endgeräten und smarten Analysemöglichkeiten herausstellen. Die Kontrolle kann umfassend sein, die Arbeitsbelastung und Verfügbarkeit der Mitarbeiter weit über das heutige Maß hinausgehen. Hier müssen wirksame Mechanismen gefunden werden, effektiven Datenschutz zu gewährleisten und eine Verfügbarkeit der Mitarbeiter rund um die Uhr auszuschließen.

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